Lichterketten statt Leuchttürme – Abschlusstalk beim Digitalfestival über Held*innenprojekte

Lichterketten…

Beim Abschlusstalk des Digitalfestivals ging es darum, Digitale Held*innen und ihre Projekte in der Krise made in Baden-Württemberg zu würdigen. Was können wir von ihnen lernen, in Bezug auf ihren innewohnenden Spirit, in Bezug auf ihre praktizierten Vorgehensweisen, in Bezug auf ihre Innovativität für neuartige Produkte und Dienstleistungen?

… statt Leuchttürme

Es gab am Abschlusstag keinen Gewinner, aber viele Sieger. Popup Labor BW sprach mit Vertretern der Projekte darüber, wie die Held*innen auf die Idee gekommen sind, was die schwierigsten Punkte in der Umsetzung waren und was bleiben wird,  über den Tag hinaus und für die Nach-Corona-Zeit. Hier kommt der Nachbericht zu den wichtigsten Lernpunkten.

Projekt 1: Umsetzung des Rahmenkonzepts für den digitalen Berufsbildungsbereich von den WEK Werkstätten Esslingen

„Nachdem am 18.03.2020 ein Lockdown verordnet wurde, gerieten wir zunächst in eine Schockstarre“, berichtete Stephan Baur, Teamleiter der WEK Werkstätten Esslingen, mit seiner Kollegin Eva Gerstetter. Die WEK ist eine Werkstatt für insgesamt ca. 400 Menschen mit Behinderungen mit Hauptsitz in Esslingen. Mit Beginn der Corona-Beschränkungen durfte die WEK von heute auf morgen keine schwerbehinderten Mitarbeiter mehr an ihrem Hauptsitz und den Nebenstellen betreuen. Innerhalb kurzer Zeit wurde dann ein digitales Bildungsangebot entwickelt und die dafür notwendigen technischen Voraussetzungen geschaffen, um möglichst viele schwerbehinderten Mitarbeiter auf digitalem Weg weiterhin in die Qualifizierungsmaßnahmen des Berufsbildungsbereichs der WEK einzubinden. Die betreuenden Bildungsbegleiter geben den Menschen mit Behinderung auf digitalem Weg ebenfalls Hilfestellung für die zahlreichen individuellen Herausforderungen, die durch die Corona-bedingten Ausgangs- und Betreuungsbeschränkungen entstehen.

Die Herausforderung, ein möglichst hohes Maß an Normalität und Struktur zu bieten, meisterten alle dennoch mit viel Ideenreichtum und Kreativität. So wurde der Schulungsraum kurzerhand zum Online-Studio umfunktioniert und ein Wochenplan entworfen, der den Menschen Halt und einen geregelten Ablauf bot. „Grundlegend war es, zunächst die Sorgen und Ängste der Menschen zu verstehen“,  so Baur. Daraufhin wurden Maßnahmen entwickelt und ausgerollt, wie z.B. ein virtuelles Klassenzimmer mit Whiteboard, eine tägliche Morgenrunde und Einzelgespräche per Videokonferenz, Unterricht beispielsweise zu Hygiene, Bewerbungstraining und häuslichen Tätigkeiten,  ein Bewegungsangebot online, Hausaufgaben per App (Mathe, Tagebuch, Schreiben, Gehirnjogging), Projektarbeiten wie Pflanzen und Backen u.v.m. Hiervon kann das klassische Bildungswesen methodisch einiges lernen.  Auf die Frage hin, was auch über die Corona-Zeit hinaus bestehen bleibt, antwortete Baur, dass die WEK Werkstätten auch künftig das in der Krise eingeführte interne E-Mail-System beibehalten wolle.  Das schafft einen direkten Draht und eine direkte (Kunden-)Beziehung, wie es sie vorher nicht gab.

Projekt 2: Corona Protection Point von der AMERIA AG, Heidelberg

Die AMERIA AG gibt es seit 2001, das AMERIA-Team besteht aus rund „70 Pionieren, Machern und Visionären“, die sich mit interaktiven Lösungen für den Konsumenten-Dialog beschäftigen. Das Alleinstellungsmerkmal ihrer Produkte bekam durch die Corona-Krise eine ganz neue Bedeutung, wie Albrecht Metter, der CEO des Unternehmens, im gemeinsamen Abschlusstalk erzählte.

„Vor der Corona-Krise waren unsere berührungslosen Touchscreens Nischenprodukte, welche mit Skepsis beäugt wurden“, berichtete er. Dies änderte sich mit dem Ausbruch von Covid-19 schlagartig – „wir bekamen viele Anfragen von Krankenhäusern, Geschäften und Co. Und entwickelten gemeinsam eine Desinfektionssäule, die Nutzerinnen und Nutzer auffordert, die Hygieneregeln richtig umzusetzen“. Das Produkt Corona Protection Point ist ein gutes Beispiel, wie die Steuerung mittels Gesten und Sprache Bestandteil des Lebens und Arbeitens in der „Neuen Normalität“ werden kann.

Ein Video, wie der Corona Protection Point funktioniert, sagt an dieser Stelle mehr als tausend Worte. Zum Beispiel bei Galileo (https://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/2020128-die-ungewoehnlichen-gewinner-der-corona-krise-clip) oder im
Rhein-Neckar-Fernsehen:

 

Projekt 3: Podcast „Verschwörungsfragen“ von Dr. Michael Blume, Beauftragter des Landes gegen Antisemitismus

In Zeiten der Corona-Krise haben Verschwörungstheorien, eine bessere Bezeichnung ist „Verschwörungsmythen“ oder „Verschwörungsglaube“, Hochkonjunktur. Mit dem Ziel, der Verbreitung demokratiefeindlicher Falschnachrichten entgegen zu wirken, initiierte der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg den Podcast verschwoerungsfragen.podigee.io und berichtete im Abschlusstalk über seine Erfahrungen damit.

„In schweren Zeiten wie diesen ist es besonders wichtig, nicht nur die Autorin oder den Autor einer Veröffentlichung in den alten und neuen Medien wahrzunehmen, sondern auch intensiv den Hintergrund – Neigung, Meinung und politische Richtung – zu recherchieren“, appellierte Dr. Michael Blume an die Teilnehmenden. Verschwörungsglaube wirke als Gift, das Fakten und Menschenwürde leugnet und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu unterminieren sucht. Dies erfordere sowohl bei Jung und Alt besondere Medien- und Digitalisierungskompetenz.  Aufklärung, Selberdenken und eigene Projekte machen sind ein wirksames Gegengift.

Projekt 4: Blog heldenprodukte.de und Website corona-meistern.de von der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau GmbH (WRO)

Was es mit diesen „Heldenprodukten“ auf sich hat, verraten wir Ihnen sofort!
Die Güter und Dienstleistungen schützen die Menschen nicht nur vor der Pandemie, sondern helfen ihnen auch herauszufinden,  ob sie von den COVID-19-Viren betroffen sind. Im Zentrum von heldenprodukte.de und corona-meistern.de stehen neben aktuellen Nachrichten und solidarischen Hilfsaktionen in einmaliger Art und Weise regionale (Vor-)Produkte, die gebraucht werden, um die kritische Infrastruktur im Land aufrechtzuerhalten. Also zum Beispiel Beatmungsgeräte, Social Distancer, Hygiene Türöffner, Virenschutzscheiben, Medizinkühlschränke, Corona-Umgebungs-Tests u.v.m.

Dominik Fehringer, der Geschäftsführer der WRO, gab einen nachdenklichen Stimmungs- und Lagebericht und erklärte, wie mittelständische Betriebe durch die Wirtschaftskrise zum Teil existenziell bedroht sind. Nichtsdestotrotz beantwortete er die Frage „Was haben Sie gelernt und was wird auch über die Corona-Pandemie hinaus bestehen bleiben?“ damit, dass es in seiner Region einen regelrechten Innovationsschub gegeben habe: Der Einsatz von Videokonferenzen anstatt Präsenztreffen  ist von einem auf den anderen Tag in der Fläche normal geworden. Die Schulen entwickelten sich im Sinne von digitaler Bildung weiter und die Themen Innovation und Wirtschaftsförderung seien nun wichtiger denn je. Er betonte, dass es nach der Krise nicht einfach weitergehen wird, wie zuvor.

Projekt 5: Webinare und 360-Grad-Touren durch den MINT-Truck „expedition d – Digitale Technologien | Anwendungen | Berufe“ von Baden-Württemberg Stiftung, Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg, und Südwestmetall-macht-Bildung

Die Digitalisierung bringt massive Veränderungen. Nicht nur unser Leben wird sich durch intelligente Verkehrskonzepte oder das vernetzte Zuhause verändern, sondern auch die Arbeitswelt. Gefragt sind zukünftig vor allem Berufe, die den digitalen Wandel vorantreiben und begleiten – Ingenieure, Informatikerinnen, Technikspezialisten. Aber auch gänzlich neue Berufe wie der Chief Digital Officer oder die Maschinenethikerin werden entstehen. Die Bildungsinitiative expedition d  zeigt vor diesem Hintergrund, welche Chancen die Digitalisierung schafft und welche digitalen Kompetenzen zukünftig gebraucht werden. Normalerweise bietet expedition d in seinem Erlebnistruck Einblicke in die digitale Welt von morgen zum Anfassen. Wie geht das in Zeiten von Corona?

„Die größte Herausforderung bestand für uns darin, den wesentlichen Kern des Projekts expedition d, also die praktischen Erfahrungen für SchülerInnen und die „Hands-on-Mentalität“, ins Digitale zu transformieren“, berichtete Dr. Volker Scheil, der Projektkoordinator der Baden-Württemberg Stiftung. Angeboten werden nun Webinare und 360-Grad-Touren durch den Truck zur Berufsorientierung mit dem Schwerpunkt auf MINT-Fächern. Auf die Frage, was aus der Corona-Krise gelernt wurde und darüber hinaus noch bestehen bleibt, antwortete Scheil, dass es zunächst einmal rein online in Kleingruppen weitergehen werde. Das langfristige Ziel sei jedoch, zum Vor-Ort-Modus zurückzukehren, das soll auch in Zukunft so bleiben. Aufgrund der Krisenerfahrungen wird das Reale um das Virtuelle erweitert. Für das eigene „Homeschooling“ werden auf expedition d  darüber hinaus Lehr- und Lernmaterialien für Lehrkräfte, ein Digi-Quiz und ein Spiel zur Digitalisierung angeboten.

Projekt 6: Online-Winetastings von 0711weinfluencer, Stuttgart und Remstal

Was über die Social Media Plattform Instagram als „Gag“ gemeinsam mit einem Freund begann, entwickelte sich zu einer unerwarteten Erfolgsgeschichte, wie uns Herr Siegle, auch bekannt als 0711weinfluencer, in seinem Beitrag beim Abschlusstalk des Digitalfestivals verdeutlichte: die Idee, online gemeinsam ein Glas Wein zu verkosten und darüber zu reden.

Dass Online-Winetastings so viel Zustimmung erfahren, damit hätte er selbst, noch zu Beginn des Jahres 2020, nicht gerechnet. Gerade in einer solchen Krise sei es wichtiger denn je, Weingüter überregional zu unterstützen, damit diese ohne oder mit möglichst geringem Schaden die Krise überstehen, so der Weinkenner. Über seinen Instagram-Kanal  instagram.com/0711weinfluencer möchte er die Online-Winetastings auch zukünftig fortsetzen – läuft!

Ein Projekt, das lokale Wirtschaft und lokale Kultur in vorbildlicher Weise zusammendenkt und zusammenbringt, wie wir finden.

 

 

(Bildquelle: winyu – stock.adobe.com und Fraunhofer IAO)